»Wir sind soweit, dass wir keinen Plastikmüll mehr haben wollen!«

6. Juni 2015, Magazin Restkultur

In den in Reih und Glied aufgestellten Bulk Bins des kleinen Lebensmittelgeschäftes in der Mainzer Neustadt ist zum Zeitpunkt des Besuches von Magazin für Restkultur vor acht Tagen noch nichts zu sehen. Doch wenn alles gut geht, soll sich das bis zum 08. Juni dieses Jahres ändern. Dann werden in den Gefäßen Nudeln, Nüsse, Kaffee, Hülsenfrüchte oder auch Reis und sogar Waschmittel zu finden sein. »Aber auch Gemüse und Obst wird es bei mir geben«, lässt uns der Ideengeber und Besitzer Abdelmajaid Hamdaoui wissen. Nach Plastiktüten oder -schalen wird man jedoch vergebens suchen. Wir befinden uns ja schließlich bei Unverpackt Mainz – und hier ist der Name Programm.

Kein unbekanntes Gesicht

Für viele Einwohner des überwiegend von Familien, Rentnern und Studenten bewohnten »Neustadt«-Viertels in Mainz ist Abdelmajaid Hamdaoui schon lange kein unbekanntes Gesicht. Unweit des neuen Lebensmittelgeschäftes Unverpackt Mainz betreibt der gebürtige Marokkaner schließlich schon seit mehr als drei Jahren den Brotposten. Hier verkauft er Brote und Backwaren von Bäckereien, die diese sonst einfach in den Müll geworfen hätten. »Es liegt mir einfach am Herzen, dass nichts weggeschmissen wird«, betont der studierte Informatiker im Gespräch mit Magazin für Restkultur. Bleibt dennoch etwas übrig, stellt er es den Aktivisten von Foodsharing zur Verfügung, die zweimal am Tag vorbeischauen. Vom Brotposten zu Unverpackt Mainz war es nur noch ein kleiner Schritt, so Hamdaoui, dem die Schonung von Ressourcen ein wichtiges Anliegen ist. Den Anstoß dazu gab indirekt die Zero Waste-Aktivistin Bea Johnson, über die er auf der Suche nach Alternativen zu Umverpackungen und Plastik vor einiger Zeit einen Artikel las. Das führte zunächst dazu, dass auch im Brotposten bald keine Plastiktüten mehr zu finden waren. »Wenn Du so guckst, bekomme ich Angst«, erinnert sich der Wahlmainzer an die Reaktion seiner Frau, als er ihr davon erzählt und lacht dabei herzlich. Sie ist die erste, die vor ungefähr einem Jahr von seiner Idee erfährt, einen Laden zu eröffnen, in dem so gut wie kein Müll entstehen soll.

90 Prozent Bioqualität

»In diesen Gefäßen hier wird es elf Sorten Getreide geben, die sich meine Kunden direkt im Laden mahlen können und daneben gibt es auch Frühstücksflocken«, führt uns der Gründer durch das nicht allzu große Unverpackt Mainz. An den Wänden reihen sich nicht, wie sonst in Supermärkten üblich, bunt bedruckte Kartons, Dosen und andere Packungen aneinander, sondern sogenannte Bulk Bins. Diese transparenten Kunststoffbehältnisse werden in wenigen Tagen mit Nüssen, Nudeln und Kaffee, aber auch mit Ölen, Gewürzen und sogar mit Waschmitteln gefüllt sein. Ergänzt wird das Angebot durch Obst und Gemüse, doch für Fleisch oder Käse sei sein Geschäft zu klein. Keine Sorgen bereiten dem Einzelhändler die Abfüllbehälter, die sich durch eine einfache aber ausgeklügelte Mechanik auszeichnen: Mit dem Umlegen eines Hebels kann jeder Kunde die gewünschte Menge selbst entnehmen und in mitgebrachte (oder bei Unverpackt Mainz bereitgestellte) Gefäße einfüllen. Umso mehr Kopfzerbrechen verursacht aber bis zuletzt die Waagen- und Kassentechnik. Weil die Waagen noch nicht bereitgestellt werden konnten, wurde eine Verschiebung auf den 8. Juni unumgänglich – der ursprünglich vorgesehene Eröffnungstermin war der 28. Mai. Der Einkauf bei Unverpackt Mainz hängt schließlich stark von einem aufeinander abgestimmten Wiegesystem ab: Eine Waage am Geschäftseingang registriert das Eigengewicht des vom Kunden mitgebrachten Gefäßes – ein zweites Gerät zieht dieses automatisch an der Kasse wieder ab. »Das ist auch für die Waagenhersteller Neuland«, gibt der trotz des kleinen Rückschlags zuversichtlich wirkende Hamdaoui zu bedenken. Neunzig Prozent seines Sortiments, so die Schätzung Hamdaouis, würden außerdem in Bioqualität angeboten werden. Wer sich außerdem davon überzeugen wolle, woher die Produkte stammen, könne jederzeit einen Blick auf die Sortiments- und Herstellerliste werfen.

Nur noch Unverpackt-Läden?

»Jedes Mal, wenn ich ein Gebinde öffne, werde ich an einem Schild über der Tür schreiben, wie viele Plastiktüten wir dadurch gespart haben«, sagt der sympathische und redselige Hamdaoui. Schwierig sei es nicht wirklich gewesen, an die entsprechenden Anbieter zu kommen. Diese beliefern ja schon jetzt kleinere Bioläden und Einzelhändler, aber auch Gastronomen, die ja ebenfalls große Gebinde erhalten. Doch Hamdaoui ist noch nicht ganz zufrieden: »Das einzige Problem, das noch gelöst werden muss, ist dass viele Anbieter ihre Produkte in Plastik liefern – ich hätte es lieber gern in Papier.« Das aber ließe sich im Laufe der Zeit bestimmt ändern, ist er überzeugt und geht sogar weiter: »In Kürze könnte es sogar sein, dass es mehr Unverpackt-Geschäfte als herkömmliche Lebensmittelläden gibt, wie die Beispiele Kiel, Berlin und jetzt auch Dresden und München zeigen. Wir Menschen sind soweit, dass wir einfach keinen Plastikmüll mehr erzeugen wollen!« Bevor sich der Unverpackt-Neuling aber daran macht, große Pläne für die Zukunft zu schmieden, will er die ersten drei Monate abwarten. Denn nichts sei schlimmer – so hätten die Erfahrungen, die in anderen Unverpackt-Märkten gemacht worden seien – als sich mit seinem Konzept zu übernehmen. »Es macht mir ein bißchen Angst, dass die große mediale Präsenz zu allzu großen Erwartungen führt – aber solange ich zukünftig meine Kosten decke und ein bißchen zum Leben bleibt, bin ich zufrieden!«

Quelle:

Magazin Reisekultur: Unverpackt Mainz: »Wir Menschen sind soweit, dass wir keinen Plastikmüll mehr wollen!«